Feminismus

Das enttäuschende Geschlecht

„Und, warst du vom Geschlecht enttäuscht?“ fragt mich die Redakteurin. Ich verstehe erst nicht – war ich vom Geschlecht enttäuscht? Sie meint das Geschlecht meines Kindes und ich denke darüber nach, dass es ja erst knapp drei Jahre alt ist und der Penis sicher noch ein wenig wächst und naja, selbst wenn nicht, es kommt doch auf die Technik... „Also, ich meine, hättest du dir ein Mädchen gewünscht?“ unterbricht die Redakteurin meinen Gedankengang. „Ach so“, rutscht es mir raus, „äh, nein, warum?“ „Weil du dich ja als Feministin bezeichnest.“ Ich schaue sie einen Moment zu lang einfach nur an. Aus meinen Pupillen springen Fragezeichen. An diesen beiden Fragen ist so vieles kurios, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Versuchen wir es mal so: Gerade als Feministin weiß ich natürlich ziemlich gut, wie es um die Rechte und gesellschaftliche Stellung der Frau im Allgemeinen 2020 immer noch bestellt ist. Ganz ehrlich, gerade weil ich mich so intensiv damit beschäftigt habe, welchen Menschen es in unserer Welt wohl am besten geht und weil ich mir ja für mein Kind nur das Beste wünsche, hätte in meinem Bauch eigentlich ein mittelalter, weißer, nicht-behinderter, heterosexueller Mann wachsen müssen. Das sind alles Dinge, die man mit Wünschen nicht beeinflussen kann und deshalb ist es auch nicht so passiert. Was ich mir gewünscht habe, war eine unproblematische Geburt in so einer Wanne mit Kerzen und sanfter Folkmusik im Hintergrund. Auch das ist nicht passiert.

Zurück zum Geschlecht. Irgendwann, als ich noch gar nicht über Kinder nachgedacht habe – mache ich auch heute noch selten – aber als ich noch nicht über eigene Kinder nachgedacht habe, da hatte ich diese Vorstellung von einer Ronja. Ich dachte, ich würde sicher ein Kind bekommen, das ich zu so einer wilden Ronja Räubertochter machen könnte. So einem Kind, das sich nichts gefallen lässt, immer widerspricht und sehr revolutionär vom Herzen her ist. Zwei Dinge habe ich damals noch nicht bedacht: Kinder haben die Eigenschaft, sie nie, nie, so zu entwickeln, wie man es sich irgendwann mal ausgemalt hat und so geil ist das gar nicht, wenn ein Kind immer widerspricht und sehr revolutionär vom Herzen her ist. Das weiß ich jetzt.

Ich finde die Vorstellung, von dem Geschlecht des eigenen Kindes enttäuscht zu sein, sehr anmaßend. Dieses Kind ist noch gar nicht auf der Welt und hat mich schon enttäuscht. Was soll da noch kommen? Am Ende ist es 18 und schaut mit Freude eine Sendung von Dieter Nuhr. Na gut, das ist dann vielleicht noch schlimmer. Das Geschlecht meines Kindes bringt außer seiner biologischen Definition doch erst einmal gar nichts mit sich. Sein Weg ist doch nicht ab dem Zeitpunkt vorbestimmt, an dem die Ärztin ausruft: „Oh ja, das ist eindeutig ein Junge!“ Wie langweilig wäre das, wenn sie gleich dazu sagen würde: „Oh ja, das ist eindeutig ein braunhaariger Bankberater, er wird zweimal heiraten, insgesamt drei Kinder bekommen, die Ihnen als Oma alle sehr ans Herz wachsen werden und heimlich ab und an die Abende am Spielautomaten verbringen als – wie er behaupten wird – bei einem wichtigen Meeting in der Führungsetage. Seine Geliebte trägt gerne schwarze Spitzenunterwäsche.“ Jesus, da kann ich auch gleich aufgeben.

Hinzu kommt ja, dass dieses Kind mit einem biologischen Geschlecht geboren wird, aber was, wenn es mir eines Tages erklärt, dass es sich mit diesem nicht identifizieren kann. Oder sich gar nicht zuordnen kann. Dass es mit dieser starren Einteilung in xx und xy wirklich wenig anfangen kann. Wenn sogar mein Personalausweis inzwischen mehr erlaubt, wieso sind wir dann bei Kindern immer noch so rückständig?

Ah, ich weiß, weil wir ihnen Kleidung kaufen müssen. Denn – und so will es das Gesetz – Jungs tragen nur Dunkelgrün, Dunkelblau, Dunkelgrau und Tarnfarben. Mit Bagger, Laster oder einem Hero-Schriftzug. Und Mädchen tragen Rosa, Rosa und Hellrosa. Mit Plüsch und Tüll und Feen und Ballettschläppchen. Sollte es sich ein Elternteil mal erlauben, ein Kleidungsstück falsch zuzuordnen, bekommt es Punkte in Stockholm (da sitzt die H&M Zentrale) und eine Rüge. Als mein Kind wenige Monate alt war, hatte ich die kleine Tradition mit dem Kinderwagen zu Rossmann zu schlendern, etwas zu kaufen und danach Sommerrollen auf der Limmerstraße zu essen. Das Kind schlief im Kinderwagen und ich hatte fünfzehn Minuten nur für mich, die ich natürlich damit verbrachte, so viel Essen wie nur möglich in mich zu stopfen. Mir gegenüber saß eine Frau, die erst in den Kinderwagen strahlte und dann in mein Gesicht und fragte: „Wie heißt die Kleine denn?“ „Kasimir.“ Ich habe mir angewöhnt, Leute nicht mehr zu korrigieren, warum auch? Ich korrigiere auch mein eigenes Kind nicht, wenn es mir erklärt, es sei schon ein großes Mädchen. Bitteschön, große Mädchen sind cool, wieso sollte ich ihm das absprechen. „Kasimir“, antwortete ich also schmatzig und die Frau sah mich irritiert an. „Aber, aber“, sagte sie, „er trägt rosa Söckchen!“ „Oh!“, rief ich, „dann müssen wir uns das mit dem Namen nochmal überlegen.“

Kaum wird man schwanger, geht es nur noch darum, „was“ man bekommt. Ich habe auf die Frage, was es denn werde, immer geantwortet: „Hoffentlich keine Bratpfanne.“ Und danach immer heimlich geweint, weil ich es so furchtbar langweilig fand, dass das das einzige war, was die Leute interessierte. Weil es doch überhaupt nichts aussagt. Ich wünschte mir kein Mädchen, weil ich Feministin bin. Ich wünsche mir Kinder, die klüger sind als diese Erwachsenen-Generation, die alles davon abhängig macht, ob deine Socken blau oder rosa sind.

Übrigens, und das ist für die meisten Leute ja ziemlich mind blowing, kann man auch Jungen feministisch „erziehen“. Wobei ich das, was ich da mache, nicht Erziehung nennen würde, aber ich kann Kindern egal welchen Geschlechts, eine feministische Grundausstattung mit auf den Weg geben. Die Verinnerlichung, dass alle Geschlechter gleichberechtigt sind und alles, was du tust oder fühlst, ok ist. Egal, ob Leute sagen, dass „Jungs sowas nicht machen“ oder dieses und jenes „nur etwas für Mädchen“ sei. Ich kann Kindern beibringen, dass Gefühle gut sind und alle wütend sein oder weinen dürfen. Ich kann sie mit all dem spielen lassen, mit dem sie spielen wollen und nicht mit dem, von dem ich glaube, dass es das „richtige“ Spielzeug für ihr biologisches Geschlecht ist. Mein Kind spielt ausschließlich mit Autos und ich habe noch nie so viel mit Autos gespielt wie in den letzten eineinhalb Jahren und auch das habe ich mir so nicht gewünscht. Ich werde niemals zu meinem Kind sagen: „Benimm dich nicht wie ein Mädchen.“ Weil ich die meisten Mädchen nämlich ziemlich gut finde und nicht wüsste, was daran schlimm sein soll, sich wie eines zu benehmen. Wie auch immer sie sich benehmen. Niemand sagt zu seinen Kindern: „Benimm dich nicht wie ein Junge.“ Oder: „Du wirfst ja wie ein Junge.“ Weil es nicht als Beleidigung aufgefasst werden kann.

Beim letzten Haarschnitt fragte mich mein Lieblingsfriseur, ob mein Kind denn schon mal beim Friseur war. Ich verneinte – dieses Kind hat so wenig Haare, dass man da kaum etwas wegschneiden kann – und die, die da sind, locken sich ungestüm in alle Richtungen. Der Friseur lachte und sagte dann: „Müsst ihr aber aufpassen, nicht, dass er bald für ein Mädchen gehalten wird, wenn die Haare länger werden.“ Ich mag meinen Friseur und sagte deshalb nur: „Und wenn schon, die Leute denken das auch, wenn er rosa Söckchen trägt.“ Aber ich dachte, NA UND? Was ist denn so schlimm daran, für ein Mädchen gehalten zu werden? Sind Mädchen das eine ansteckende Krankheit? Was ist los mit den Leuten?

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich hätte mir nie etwas für mein Kind gewünscht, bevor es auf der Welt war. Ich wünschte mir, dass ihm nie an etwas fehlen würde. Dass es eines Tages so selbstbewusst und stark sein würde, immer seine eigene Meinung vertreten zu können. Dass es vielleicht mal mit mir auf eine Demo mitkommt, zu einem Punkkonzert oder wir zusammen in einer Kneipe ein Herrengedeck trinken – ohne, dass ihm all das super peinlich sein wird. Und wenn, dass es das so gut verstecken könnte, dass ich weiterhin denken würde, ich sei eine wirklich coole Mutter. Ich wünschte mir, dass es sich immer respektvoll verhalten würde – allen Lebewesen gegenüber und eine gewisse Grundfairness im Kopf mit sich trage. Ich wünschte mir, dass es diese weichen Wuschelhaare am Hinterkopf haben würde, die Babys oft so haben und durch die man sehr gut durchwuscheln kann. Und dass es revolutionär vom Herzen her wäre. Aber selbst, wenn das alles nicht passieren würde, wäre ich nicht enttäuscht. Denn wie könnte ich? Mein Kind ist ein selbstständiges Individuum, das sich entwickelt und in dessen Entwicklung ich vielleicht ein bisschen Einfluss habe, von dem ich aber – und das hat dann mit meinem Grundrespekt gegenüber Leuten zu tun – nicht erwarten darf, dass es all meine Erwartungen und Wünsche erfüllt. Wenn ich also weiß, dass Enttäuschung in diesem Fall von meiner Seite vor allem eines wäre – wahnsinnig egoistisch – wie könnte ich dann enttäuscht sein? Vor allem von dem einzigen Fakt, den dieses Kind sich – bisher – wirklich nicht selbst ausgesucht hat.

Edit: In der ersten Version dieses Textes habe ich die Formulierung "im falschen Körper geboren" verwendet. Ich bedanke mich für die Hinweise, dass das keine richtige Beschreibung ist und habe die Stelle angepasst. Mehr zu Trans-Begriffen findest du hier.